Die Doku-Fiktion இனி வந்தென்ன வராமல் என்ன [Obgleich ich nun komme oder gehe] – Briefe aus der Kantstraße 104a widmet sich der Frage, welche Erinnerungen an einem flüchtigen Ort wie einer Asylunterkunft verbleiben, wenn die Menschen längst nicht mehr dort wohnen. Welche Spuren sind im Gebäude eingeschrieben und verweisen auf das Leben und die Lebendigkeit im Zwischenraum von Flucht? Auf welche Basis stützt sich das Erinnern, wenn etwa Briefe längst nicht mehr existieren, weil sie in den Kriegsjahren verloren gegangen sind?

Deutsch, Tamilisch mit Englischen UT, Deutschland 2023, 25 Min.

ÜBER DAS PROJEKT

Im Juli 1983 erreichte die jahrelange ethnische Spannung in Sri Lanka einen weiteren Eskalationsgrad, der sich in gewaltvollen Ausschreitungen gegen Tamil*innen entlud. Diese anti-tamilischen Pogrome werden heute als Auslöser für den Krieg auf den Inseln gewertet. In ihrer Folge flohen tausende Tamil*innen. Einer der Migrationswege führte sie dabei über den Ost-Berliner Flughafen Schönefeld nach West-Berlin. Zum damaligen Zeitpunkt war für die Einreise von Tamil*innen nach Ost-Berlin kein Visum nötig. Ostdeutsche Grenzbeamt*innen ließen sie häufig mit Bus oder Bahn nach West-Berlin passieren, wo einige Asyl beantragten. Innerhalb West-Berlins wurden sie dann in Asylunterkünften untergebracht.

Die Doku-Fiktion இனி வந்தென்ன வராமல் என்ன [Obgleich ich nun komme oder gehe]Briefe aus der Kantstraße 104a widmet sich der Frage, welche Erinnerungen an einem flüchtigen Ort wie einer Asylunterkunft verbleiben, wenn die Menschen längst nicht mehr dort wohnen. Welche Spuren sind im Gebäude eingeschrieben und verweisen auf das Leben und die Lebendigkeit im Zwischenraum von Flucht? Auf welche Basis stützt sich das Erinnern, wenn etwa Briefe längst nicht mehr existieren, weil sie in den Kriegsjahren verloren gegangen sind?

Die Pension Kant in der Kantstraße 104a im West-Berliner Bezirk Charlottenburg war von etwa 1980 bis 1989 Unterkunft für tamilische Geflüchtete. Auf zwei Stockwerken verteilt lebten hier etwa 60 Personen unterschiedlich lang: Es kamen Frauen mittels Schlepper, deren ursprüngliches Ziel Italien war. Es kamen Männer aus politisch radikalisierten Parteien, Nationalisten trafen auf Internationalisten, die politischen Spannungen hierzu brachten sie mit in die Pension Kant. Manche blieben für eine Nacht, ohne Asyl zu beantragen, manche mehrere Tage, Wochen, Monate vor ihrer Weiterreise ins westlichere Deutschland, nach England, Frankreich oder gar Kanada, für manche war es der Beginn ihres Lebens in Berlin. Einige fanden Verbündete in der lebendigen politischen Szene West-Berlins. Sie arbeiteten als Zeitungszusteller*innen, sie putzten in Restaurants. Gemeinsam feierten sie Feste, verfolgten aus dem Berliner Exil heraus den aufkeimenden Krieg in Sri Lanka, erhielten Briefe mit Nachrichten vom Tod ihrer Verwandten. Hier wurden Ehen geschlossen, Familien gegründet, Kinder geboren. 

Der Film rekonstruiert das Erleben dieser Zeit. Fiktionalisierte Briefe, die auf Interviews und Gesprächen mit ehemaligen tamilischen Bewohner:innen des Gebäudes beruhen, geben Einblick in ihre Innenwelten. In den Briefen verschmilzt das, was zwischen den Unterkunftsbewohner*innen und der Filmemacherin –Tochter ehemaliger Bewohner*innen – während der Interviews geschah, zu einer Teilerzählung. Tamil*innen der sog. Zweiten Generation, die mittlerweile in Berlin leben, leihen der Verfilmung ihre Stimmen und ermöglichen so wiederum Resonanzen mit ihren eigenen Erfahrungen und Erinnerungen. Ihre Stimmen changieren zwischen der tamilischen und deutschen Sprache und verschmelzen sowohl mit dem Echo der Archivbilder als auch mit dem Soundscape des Gebäudes. Filmaufnahmen aus dem heutigen Gebäude und Fotografien damaliger Bewohner:innen entfalten in ihrer Überlagerung die Mehrschichtigkeit von Raum, Zeit und Erinnerung.

40 Jahre nach dem கறுப்பு யூலை [Black July] von 1983 leistet die Doku-Fiktion einen Beitrag dazu, die Erinnerung von tamilischer Flucht nach Berlin und Deutschland zu verorten. Sie verbindet die Erfahrungen verschiedener Generationen miteinander, regt an, über die Präsenz des Flüchtigen nachzudenken und plädiert dafür, sich liminale Orte wie eine Asylunterkunft als Orte des Lebendigen zu vergegenwärtigen.

TEAM

Recherche, Konzept & Regie
mit Stimmen von




Schnitt & Sound Design
Kamera

Ton

Tamilische Übersetzung

Lektorat, Untertitel DE
Englisches Copyediting,
Untertitel EN | TAM
Illustration

Grafisches Design
Webseite

Anujah Fernando
Anujah Fernando
Sowmya Maheswaran
Ram Paramanathan
Methu Thavarasa
Chandrika Yogarajah
Anna Lucia Kampmann
Johannes Windolph
Thibauld Weiler
Merle Nanami Merkel
Josie Parkinson
Ram Paramanathan
J. Fernando
Johanna Schindler
Karthika Nadarajah

Berlin, Kantstraße 104a
© Sindu Sivayogam 2023
Golnar Katrahmani 2023
Azin Azadi Yazdi

Recherche, Konzept & Regie
Anujah Fernando

mit Stimmen von
Anujah Fernando
Sowmya Maheswaran
Ram Paramanathan
Methu Thavarasa
Chandrika Yogarajah

Schnitt & Sound Design
Anna Lucia Kampmann

Kamera
Johannes Windolph
Thibauld Weiler

Ton
Merle Nanami Merkel
Josie Parkinson

Tamilische Übersetzung
Ram Paramanathan
J. Fernando

Lektorat, Untertitel DE
Johanna Schindler

Englisches Copyediting, Untertitel EN | TAM
Karthika Nadarajah

Illustration
Berlin, Kantstraße 104a
© Sindu Sivayogam 2023

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Golnar Katrahmani 2023

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Azin Azadi Yazdi